Nie wieder Atomkraft! 36 Jahre Tschernobyl

Foto von einem verlassenen Klassenzimmer in Prypjat. Zerfallene Stühle und Tische stehen auf dem Boden, der übersät ist mit Trümmern. Durch ein zerbrochenes Fenster fällt Sonnenlicht. Auf dem Bild der weiße Text: „Nie wieder Atomkraft. Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt.“ In der linken oberen Ecke die gelbe Sonnenblume der Grünen auf einem dunkelgrünen Dreieck.

Heute jährt sich der Reaktorunfall von Tschernobyl zum 36. Mal. Wir gedenken der unzähligen direkten und indirekten Opfer der Katastrophe und ihren Angehörigen. Das Atomzeitalter muss überwunden werden – Deutschland darf niemals zur Atomkraft zurückkehren.

Die Katastrophe in der sowjetischen Ukraine hatte eine fatale Kombination politischen, menschlichen und technischen Versagens zur Ursache. Diese Fehler dürfen sich nicht wiederholen. Das Risiko der Atomkraft darf niemals unterschätzt werden.

Um besser zu verstehen, was am Tag des Unfalls genau geschah, lohnt sich ein kurzer Blick in die physikalischen Hintergründe. Der Ablauf der Katastrophe, ihre physikalischen und technischen Ursachen, die menschlichen Fehlentscheidungen und die politischen Problematiken, die zu dem Unglück führten und auch bei den anschließenden Lösungsversuchen Menschen in zusätzliche Gefahr brachten, sollen an dieser Stelle daher erläutert werden.

—-

Es ist der 26. April 1986. Im Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der sowjetischen Ukraine wird ein standardmäßiger Sicherheitstest durchgeführt. Es soll untersucht werden, wie gut der Reaktor im Ernstfall einen Ausfall der externen Stromversorgung kompensieren kann.

Der Sicherheitstest erfordert eine starke Leistungsreduktion des Reaktors. Mehrfach wurde der Test bereits verschoben, weil der hohe Strombedarf in der Region Kiew den dauerhaften Betrieb erforderte. Der zeitliche Druck des kommunistischen Regimes in Moskau ist groß – der Test wird außerplanmäßig während der Nachtschicht durchgeführt, um den engen Zeitplan einzuhalten. In der Schaltzentrale übernimmt der stellvertretende Chefingenieur Anatoli Djatlow die Leitung.

Auf Anweisung von Djatlow senken die Mitarbeiter die Leistung des Reaktors. Es geht unerwartet schnell, weil es durch das geringe Leistungsniveau zur Xenonvergiftung im Reaktor gekommen ist. Um die Xenonvergiftung auszugleichen und die Reaktorleistung wieder auf das für den Test erforderliche Niveau anzuheben, entfernen die Mitarbeiter viele der Steuerstäbe aus Bor vollständig aus dem Reaktor – eine unübliche, extreme Maßnahme. Dadurch steigt die Leistung vorübergehend wieder an, allerdings wird der Reaktor in einen extrem instabilen Zustand gebracht. Der Test wird auf Befehl Djatlows trotzdem durchgeführt.

Währenddessen überschlagen sich im Reaktorkern die Ereignisse. Begünstigt wird die fatale Situation des Reaktors durch ein bauliches Problem, das alle RBMK-Reaktoren der Sowjetunion haben: Der positive Dampfblasenkoeffizient, eine Steigerung der Leistung bei zunehmender Anzahl von Dampfblasen.

In modernen wassermoderierten Reaktoren wie z.B. dem AKW Brokdorf regelt sich die Leistung von selbst. Mit steigender Leistung bilden sich mehr Dampfblasen im Kühlwasser. Da das Kühlwasser für das Abbremsen der Neutronen auf die richtige Geschwindigkeit im Reaktorkern verantwortlich ist, führt eine höhere Anzahl an Dampfblasen dazu, dass weniger Neutronen mit der richtigen Geschwindigkeit zur Verfügung stehen und damit zu einer sinkenden Leistung. Durch diesen Effekt regeln sich geringe Schwankungen in der Reaktorleistung von selbst, das Leistungsniveau bleibt relativ stabil.

In den sowjetischen RBMK-Reaktoren ist nicht Wasser, sondern hauptsächlich Graphit für das Abbremsen der Neutronen verantwortlich. Das Kühlwasser hat dadurch hauptsächlich einen absorbierenden Effekt auf die Neutronen. Bei steigender Temperatur im Reaktor verdampft mehr Wasser, dadurch werden weniger Neutronen absorbiert und die Leistung steigt weiter an. Es entsteht noch mehr Hitze, sodass noch mehr Wasser verdampft. Ein Teufelskreis hat begonnen, der die Leistung in unbegrenzte Höhen treibt. Der Reaktor ist in diesem Zustand extrem empfindlich gegenüber kleinsten Veränderungen in der Menge der Dampfblasen. Die Kontrollierbarkeit dieses Prozesses wird im Normalbetrieb durch die beständige Zufuhr von frischem Kühlwasser gewährleistet.

Die Katastrophe beginnt. Während des durchgeführten Sicherheitstests wird die Pumpenleistung und die Wasserflussrate durch den Reaktor gesenkt. Dadurch gelangt weniger frisches Kühlwasser in den Reaktor, es bilden sich schlagartig mehr Dampfblasen und es entsteht, bedingt durch den Baufehler, die oben beschriebene fatale Rückkopplungsschleife. Die Leistung des Reaktors steigt plötzlich sprunghaft an, was die Mitarbeiter dazu zwingt, die Schnellabschaltung für den Notfall zu bedienen. Durch die Schnellabschaltung werden die entfernten Bor-Steuerstäbe sofort wieder in den Reaktor gesenkt, um die Neutronen zu absorbieren. Doch ein weiterer Baufehler verurteilt auch diesen letzten Rettungsversuch zum Scheitern: Die unteren Spitzen der Steuerstäbe bestehen nicht wie der Rest des Stabes aus Bor, sondern aus Graphit. Ein Eintritt von Bor in den Reaktor hätte die Kettenreaktion durch seine hohe Absorptionsfähigkeit beendet. Graphit aber absorbiert fast keine Neutronen, sondern bremst noch mehr Neutronen auf die richtige Geschwindigkeit und beschleunigt damit die nukleare Kettenreaktion.

Die Schnellabschaltung, die im letzten Moment das Blatt wenden sollte, ist der Todesstoß für diesen letzten Rettungsversuch. Als die Graphitspitzen in den ohnehin schon instabilen Reaktorkern gefahren werden, steigt die Reaktorleistung sprunghaft und ungebremst auf ein Vielfaches des vorgesehenen Wertes. Dampfexplosionen zerfetzen das Reaktorgebäude und schleudern brennendes Graphit in die Umgebung des Kraftwerks. Der brennende Reaktorkern transportiert radioaktiven Staub in die Atmosphäre. Es beginnt ein Inferno, das noch tagelang brennen wird.

Viele der Mitarbeiter sterben auf der Stelle durch die Explosion, die radioaktive Strahlung oder das Feuer. Feuerwehrleute, die den Brand in der Reaktorhalle löschen sollen, betreten das hochverstrahlte Areal ohne ausreichende Schutzkleidung und erliegen vielfach qualvoll der schmerzhaften Strahlenkrankheit, ein grauenhafter, langsamer Tod. In den folgenden Tagen werden hunderttausende Liquidatoren, Zwangsarbeiter, zur Arbeit am Kernkraftwerk gezwungen. Hinreichenden Schutz oder eine Aufklärung über die Risiken erhalten sie nicht. Viele von ihnen sterben an der Strahlenkrankheit oder an durch die Verstrahlung ausgelösten Krebserkrankungen.

Das sowjetische Regime tut alles, um die Katastrophe zu vertuschen. Die nahegelegene Stadt Prypjat, aus der die meisten Fotografien des Unglücks von Tschernobyl stammen, wird erst 36 Stunden nach der Katastrophe evakuiert, offiziell nur temporär. Die Folgen für die Bevölkerung sind fatal: Viele leiden an Symptomen der Strahlenkrankheit, entwickeln Krebs oder geben geschädigtes Erbgut an ihre Kinder weiter, die mit Behinderungen zur Welt kommen. Ihre Heimat wird auf Jahrtausende unbewohnbar bleiben.

Erst als in Schweden erhöhte Strahlenwerte gemessen werden, wird das wahre Ausmaß Katastrophe langsam im Westen bekannt, sodass auch in anderen europäischen Ländern Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Selbst bei uns im weit entfernten Deutschland erinnern sich viele noch daran, als Kind nicht in der Sandkiste spielen, bei Regen ins Haus gehen oder keine Pilze aus dem Wald essen zu dürfen.

Die verbreitete Meinung der sowjetischen Wissenschaft ist zu dieser Zeit, dass die Technik der eigenen Kraftwerke überlegen und kaum anfällig für Fehler ist. RBMK-Reaktoren könnten nicht explodieren. Der Kreml sorgt lange dafür, dass diese Annahme sich hält und gibt der Bedienmannschaft und Ingenieur Djatlow die Alleinschuld an der Katastrophe.

Der Physiker Legassow wird mit der Aufklärung des Unglücks beauftragt. Er erscheint vor der Atomenergie-Aufsichtsbehörde IAEA mit unerwartet vielen Details über die Bauweise der Reaktoren und wieso diese zur Katastrophe beitrug. Intern versucht Legassow in den folgenden Monaten und Jahren, bessere Sicherheitsstandards in den sowjetischen Kraftwerken durchzusetzen. Doch zwei Jahre nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl begeht Legassow in seiner Wohnung Selbstmord aus nicht vollständig bekannten Motiven. Bis heute existiert ein wertvolles Dokument der Zeitgeschichte: Tonaufnahmen, die Legassow in den Tagen vor seinem Tod mit Details über seine Erkenntnisse aufnahm.

—-

Der Schaden, den die betroffenen Menschen durch die Reaktorkatastrophe erlitten haben, ist nie wieder gut zu machen. Die Kombination politischen, menschlichen und technischen Versagens, die zu dem Desaster diesen Ausmaßes geführt hat, ist eine fatale Verkettung ungünstiger Umstände. Verhindert werden können hätte es durch politische Transparenz: Ein ehrlicher Umgang mit dem Fehlerpotenzial der Technik und eine klare Kommunikation der Risiken an die Bevölkerung hätten viele Leben gerettet. Vollständig aufgearbeitet sind die Katastrophe und ihre Ursachen auch heute noch nicht.

Es bleibt unsere gemeinsame Verantwortung, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geborgt – und wir müssen heute verhindern, dass wir sie ihnen voll mit nuklearem Abfall oder als verstrahltes Ödland überlassen.

Die Atomkraft ist keine grüne Energie. Sie verseucht Wasser und Ökosysteme, basiert auf nicht nachwachsenden und oftmals unter unmenschlichen Bedingungen abgebauten Rohstoffen wie Uran, birgt nicht zu rechtfertigende Sicherheitsrisiken für die Bevölkerung und verschiebt durch die Produktion des über Jahrtausende strahlenden Mülls die Probleme nur in die Zukunft.

Stattdessen müssen wir alles daran setzen, jetzt die erneuerbaren Energien zu fördern: Sie schützen das Klima vor schädlichen CO2-Emissionen und schenken uns Unabhängigkeit von Öl- und Gasimporten aus autokratischen Staaten wie Russland.

Keine Rückkehr zur Atomkraft – dieses Land kann deutlich besser sein, wenn man es nur lässt!

LB

Neuste Artikel

Mobilität Verkehrswende

9-Euro-Ticket und Nahverkehrsplan: Chance im Kreis Pinneberg

Kreistag Haushalt

Nachtrag und neue Gesichter im Kreistag

Landtag Abschied

Vielen Dank Ines Strehlau!

Ähnliche Artikel